Ruedi Zuber, Wanderleiter und GeoGuide Sardona, erzählt: 

Was ist Ihre Rolle in der Welterbestätte?
Praktisch vor unserer Haustüre befindet sich eine einzigartige Bergkulisse mit einer scheinbar verkehrten Welt: alte über jungen Gesteinen – wie ist das möglich? Diese Frage haben sich Wissenschafter vor gut 200 Jahren gestellt und nach jahrzehntelangen Kontroversen allmählich das Geheimnis gelüftet. Aber noch heute gibt es verschiedene offene Fragen, welche zum besseren Verständnis der Gebirgsbildung beitragen können. Die magische Linie, eigentlich der Rest einer Fläche in Seitenansicht, lässt sich nirgends auf der Welt so gut beobachten, wie bei uns. Wir GeoGuides Sardona haben das Privileg, Gäste und Wanderer ans Naturgeschehen hinzuführen, ihnen den Sachverhalt aufgrund des aktuellen Wissens zu erklären, sie an einem unvergesslichen Erlebnis teilhaben zu lassen. Dabei lösen die Phänomene der Gebirgsbildung ebenso Erstaunen aus wie die Verschiedenartigkeit der bis zu 280 Mio. Jahre alten Verrucano-Gesteine oder die modellierten und von Gletschern und Gebirgsbächen gestalteten Landschaften. Eine besondere Herausforderung ist das Verständnis der verschiedenen Zeithorizonte, die sich über Millionen von Jahren, über hunderttausende oder zehntausende von Jahren und über wenige Jahre nebeneinander veranschaulichen lassen.  

Welcher Bezug besteht zu ihr?
Seit meiner Jugendzeit gehe ich gerne wandern und die kleinen und grossen Dinge in der Natur entdecken. Während mich mein Vater für die Pflanzenwelt begeistern konnte, hat sich bei mir seit meinem Forstingenieur-Studium zunehmend das Interesse an Zusammenhängen geweckt. Nach meiner Ausbildung als Wanderleiter kam im Jahre 2012 der GeoGuide-Kurs hinzu. Ständiges Hinzulernen, sei es durch Kurse, Exkursionen oder Literatur, gibt mir die Möglichkeit, in die komplexe Welt der Erdwissenschaften hineinzublicken und auch die Tektonikarena Sardona ein wenig zu verstehen. Seit 2017 bin ich GeoGuide-Koordinator und dadurch noch näher am Geschehen rund um das Welterbe Tektonikarena Sardona. Als Gemeinschaft von ausgebildeten GeoGuides tauschen wir uns aus, entwickeln neue Angebote und erfreuen uns gelegentlich auch an bisher wenig beachteten Kleinigkeiten.

Welches ist Ihr Lieblingsort in der Welterbestätte? Haben Sie einen Geheimtipp?
In der Tektonikarena Sardona und in ihrem Umfeld, der Welterberegion, gibt es zahlreiche Orte, die ich immer wieder gerne aufsuche. Dazu gehören die Segnesböden oberhalb Flims genauso wie die Rheinschlucht, der Nummuliten-Friedhof auf der Cavorgia da Breil, die Moränenlandschaft Gavirolas, die vier Seen im Pizolgebiet, die Schilsquelle, das Madseeli, die Geo-Galerie am Ziger, die Kärpfbrücke oder der Firstboden.

Ganz besonders angetan hat es mir der Untere Segnesboden. Für mich ist er der Inbegriff von Schönheit, Vielfalt und Vollkommenheit. Der Wechsel der Farbtöne, Kontraste und Lichtspiele im Verlauf der Jahres- und Tageszeiten sowie während verschiedener Wetterlagen löst eigenartige Glücksgefühle aus. Einzigartig ist das Mosaik an Lebensräumen in der Moorlandschaft und sein Kontrast mit den steilen Felswänden, den Wasserfällen und den Gratzacken der Tschingelhörner. Geformt durch Gletscher und Bäche, abgeriegelt durch den grossen Flimser Bergsturz, besteht dieses alpine Schwemmland seit Jahrtausenden, wird dabei auch heute noch durch die mäandrierenden Ästchen des Flembaches fortlaufend neu gestaltet.

Einen Geheimtip zu verraten, wäre für mich als GeoGuide wohl vermessen. Zum einen gibt man solche Orte nicht gerne preis, weil sie sich zu Rummelplätzen entwickeln könnten. Zum anderen behalten wir die schönsten Fleckchen zurück, um unsere Gäste dorthin zu führen und begeistern zu können.

Wann ist die beste Besuchszeit und warum?
Das Welterbe Tektonikarena Sardona kann man während des ganzen Jahres besuchen. Voraussetzung sind geeignete Ausrüstung, Bergerfahrung, Bergtüchtigkeit sowie Begeisterungsfähigkeit für im Alltag scheinbar wenig Spektakuläres. Im Winter öffnen uns Schneeschuhwanderungen die herrliche Bergwelt. Im Mai-Juni blühen zahlreiche Orchideen, vor allem im Einzugsgebiet der Rheinschlucht. Im Sommer ist die eigentliche Hauptwanderzeit. Dann sind praktisch alle Wanderziele erreichbar. Der Geoweg Mels oder andere tiefer gelegene Sehenswürdigkeiten sind in schneefreien Zeiten fast immer zugänglich.

Was kann man unternehmen? Welche Aktivitäten in der Welterbestätte empfehlen Sie besonders?
Das Welterbe Tektonikarena Sardona ist in erster Linie ein ausgeprägtes Wander- und Erlebnisgebiet. Verschiedene Bergbahnen führen dorthin. Zudem gibt es ein umfassendes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln. Ideen findet man auf der Website www.unesco-sardona.ch unter der Rubrik «erleben». Dort sind auch die GeoGuides und ihre Angebote aufgeführt. Eine gute Einführung bieten die Infozentren und das Besucherpavillon bei der Segneshütte. Für graue Tage liegen zudem Bücher über das Welterbe und die Geologie sowie über Landschaft und Lebensräume vor. Wer mehr über das Welterbe und seine Umgebung erfahren und von Spezialangeboten profitieren möchte, ist als Mitglied im Förderverein Welterbe & Geopark Sardona herzlich willkommen.

Mai 2020

Unser Welterbe